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Mittelgebirge Classique: Wenn der Sinn fehlt

1.100 Kilometer, 40 Pässe, 2 Tage, 22 Stunden und 37 Minuten – und ein 10. Platz, der am Ende fast nebensächlich war. Die eigentliche Geschichte dieses Rennens beginnt am ersten Abend, als mir der Spaß abhandenkommt, führt durch Schneeregen und Halluzinationen – und endet damit, dass ausgerechnet das, was ich aufgeben wollte, mir zeigt, worauf es wirklich ankommt.

1.100 Kilometer, 40 Pässe, 2 Tage, 22 Stunden und 37 Minuten – und ein 10. Platz, der am Ende fast nebensächlich ist. Die eigentliche Geschichte dieses Rennens beginnt am ersten Abend, als mir der Spaß abhandenkommt, führt durch Schneeregen und Halluzinationen – und endet damit, dass ausgerechnet das, was ich aufgeben will, mir zeigt, worauf es wirklich ankommt.

Stefan kurz vor dem Start des Mittelgebirge Classique

Sonntag, sechs Uhr morgens, Neustadt an der Weinstraße. Rund 120 Fahrer stehen im Halbdunkel auf dem Parkplatz, Rennräder mit Rahmentaschen und Lenkertaschen, Stirnlampen, das leise Klicken von Klickpedalen. Vor mir liegen 1.100 Kilometer und etwa 40 Pässe durch Pfälzerwald, Schwarzwald, Jura und Vogesen. Unsupported. Das heißt: kein Versorgungsfahrzeug, keine Helfer, kein Support. Nur ich, das Rad und das, was ich an Bord habe.

An meinem Rad: drei Cubreton Flaschenhalter, montiert an den Stellen, wo sonst Kunststoff aus den Spritzgussmaschinen eines Großkonzerns sitzen würde. Bei mir ist es Material, das eigentlich im gelben Sack gelandet wäre. Mir ist in diesem Moment noch nicht klar, wie sehr mich genau dieses Detail über die nächsten drei Tage begleiten wird – als stille Erinnerung daran, worum es eigentlich geht.

Die letzten Minuten vor dem Start fühlen sich an wie der Sprung von der Klippe, kurz bevor man tatsächlich springt. Reißverschluss zu, Helm auf, Brille rein – und im Bauch dieses Kribbeln, das halb Vorfreude, halb Angst ist. Um mich herum Stimmengewirr, nervöses Klicken von Schnellspannern, irgendwo noch ein letztes Foto. Dann sechs Uhr. Start. Der Himmel strahlend blau, als hätte er extra für uns aufgeräumt. Ich schwöre mich auf einen tollen Tag zum Radfahren ein. Was ich in diesem Moment nicht ahne: Es ist der letzte trockene.

Der eigentliche Plan

Bevor ich erzähle, was auf der Strecke passiert, muss ich erklären, warum ich überhaupt hier stehe. Das MittelgebirgeClassique soll mein Härtetest werden – die Generalprobe für das Transcontinental Race, kurz TCR, eines der härtesten Ultracycling-Rennen Europas, zwölf Tage quer durch den Kontinent, das ich für später in diesem Jahr geplant habe. Wer das TCR fahren will, muss wissen, wie sich der eigene Kopf nach 30, 40, 50 Stunden im Sattel anfühlt. Genau das will ich hier herausfinden.

Ob mir das gelingt, weiß ich in diesem Moment, am Start, noch nicht.

Sonntagabend, 18 Uhr

Mit dieser Erwartung im Kopf rolle ich also los – und nach zwölf Stunden im Rennen passiert etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe. Die Beine fühlen sich noch gut an, die ersten Pässe sind geschafft, das Wetter spielt noch mit. Und trotzdem sitzt da plötzlich dieser Gedanke, der sich nicht mehr verdrängen lässt: Ich habe keinen Spaß.

Nicht erschöpft. Nicht überfordert. Einfach: kein Sinn, kein Spaß, keine Verbindung zu dem, was ich da tue.

Was hilft mir ein Rennen, bei dem ich zwölf Tage lang keinen Spaß habe, wenn ich diese Erfahrung jetzt schon mache – nach nur zwölf Stunden?

Diese eine Frage lässt sich von jetzt an nicht mehr verdrängen. Sie wird mich die nächsten Tage nicht mehr loslassen – durch jeden Pass, jede Nacht, jeden Kilometer. Was sie am Ende mit mir macht, weiß ich in diesem Moment noch nicht. Nur so viel steht schon jetzt fest: Manche Erfahrungen muss man nicht zweimal machen, um zu wissen, was sie einem sagen wollen.

Was mich trotzdem weiter angetrieben hat

Spaß und Sinn sind also weg, noch bevor der erste Tag vorbei ist. Aufgeben ist trotzdem keine Option. Dazwischen liegt ein Rennen, das ich zu Ende fahren werde – auch wenn ich in diesem Moment nicht sagen könnte, warum genau. Ein Teil der Antwort findet sich an den Checkpoints.

Dort, wo Veranstalter und andere Fahrer kurz zusammenkommen, wechselt man ein paar Sätze, schaut sich gegenseitig in die übermüdeten Augen und lacht trotzdem. Niemand fragt dort nach Zeiten oder Plätzen. Man tauscht sich aus, wer wo einen Platten hatte, wer wo nass geworden ist, wer wo fast eingeschlafen wäre. Es ist dieses kurze, unausgesprochene Verständnis zwischen Menschen, die gerade dasselbe durchmachen, das einen für ein paar Minuten aus dem eigenen Kopf herausholt.

Es sind ehrlich gesagt die einzigen Momente in diesem Rennen, in denen ich tatsächlich wieder Spaß habe. Kein Wunder, dass sich mir jeder einzelne davon sofort einprägt – die Gesichter, einzelne Sätze, das Gefühl, kurz nicht allein zu sein.

Die Checkpoints sind kurze Momente des gemeinsamen Leidens, des Essens und des Austausches

Wo das Wetter kippt

Diese kurzen, hellen Momente an den Checkpoints stehen in immer größerem Kontrast zu dem, was draußen passiert. Der schöne Starttag hält nicht lange. Ab Mitternacht, in der ersten Nacht, verschwindet die Sonne endgültig – und mit ihr jede Gnade des Wetters. Nebel zieht auf, es wird bitterkalt, und der Regen, der in dieser Nacht einsetzt, lässt bis Montagnachmittag nicht mehr nach. Kaum getrocknet, geht es Montagnacht weiter, und auch in der Nacht auf Dienstag holt er mich wieder ein. Drei von vier Nächten im strömenden Regen, dazwischen ein paar trockene Stunden, die ich dankbar wie ein Geschenk nehme.

In genau dieses Wetter hinein fahre ich Montagvormittag auf den Chasseral im Jura, über 1.600 Meter, einen der höchsten Punkte der Strecke. Statt Regen gibt es dort oben Schneeregen. Die Finger sind taub, die Sicht schlecht, und irgendwo in diesem grauen Nichts verliere ich meinen Radcomputer. Von da an ist das Handy mein Navigationsgerät – durchgängig, den ganzen restlichen Weg. Nur eben alles andere als bequem: nasse Finger auf einem nassen Display, das sich im Regen kaum bedienen lässt, dazu hin und wieder Probleme beim Laden und mit der Stromversorgung, die mich jedes Mal kurz nervös machen.

Auf dem Papier ein Problem. Im Moment selbst fühlt es sich fast wie ein Befreiungsschlag an – die Abfahrt danach wird zu ihrem eigenen kleinen Kapitel: nass, kalt, mit einem Display, das ständig Aufmerksamkeit fordert, statt einfach nur zu funktionieren.

Nachts, wenn der Kopf nicht mehr mitspielt

Kälte und Nässe sind das eine Problem dieser Nächte. Der Schlafmangel das andere – und er macht etwas mit einem, das schwer zu beschreiben ist, wenn man es nicht selbst erlebt. In der zweiten Nacht beginnen die Halluzinationen. Schatten am Straßenrand, die sich bewegen, obwohl da nichts ist. Geräusche, die keine Quelle haben. Gesichter in Büschen, Gestalten am Wegesrand, die im nächsten Moment wieder nur Äste sind. Ich weiß in diesen Momenten genau, dass mein Kopf mir etwas vorspielt – und kann es trotzdem nicht abstellen.

Was bleibt, ist ein ständiges inneres Gegenrechnen: Ist das real? Muss ich bremsen? Fahre ich noch in der Spur?

Diese Fragen laufen Stunde um Stunde parallel zum eigentlichen Fahren mit und kosten am Ende fast mehr Kraft als die Pässe selbst. Es ist einer dieser Momente, in denen ich merke, wie dünn die Schicht zwischen Kontrolle und Kontrollverlust eigentlich ist – und wie sehr ein Rennen wie dieses am Ende viel mehr über den Kopf entscheidet als über die Beine.

Der Anruf, der nachhallt

Genau an diesem Sonntagabend, kurz nachdem mir der Spaß abhandengekommen ist, greife ich tatsächlich zum Telefon. Ich rufe Menschen an, die mir wichtig sind, und sage ihnen, dass das alles gerade keinen Sinn mehr für mich macht.

Was danach kommt, ist fast bewegender als die Gespräche selbst: In den Stunden und Nächten danach kreisen meine Gedanken immer wieder um genau diese Telefonate. Ich male sie mir im Kopf weiter aus, spiele sie in Variationen durch, stelle mir vor, was ich noch hätte sagen können und wie die Reaktionen wohl gemeint waren. Fast mit einer Art Hoffnung wünsche ich mir, dass mich diese Stimmen aufbauen, dass sie mir sagen, ich solle weiterfahren, dass es sich lohnt – und dass genau das mir den Mut gibt, doch nicht aufzuhören.

Diese imaginären Fortsetzungen, gefahren bei 15 km/h irgendwo zwischen zwei Pässen, mit leerem Magen und müden Augen, sind am Ende ehrlicher und bewegender als vieles andere in diesen drei Tagen. Sie zeigen mir, wie viel Kraft schon im Gedanken an die eigenen Leute steckt, wenn man am Ende ist – und wie sehr ich mich in solchen Momenten danach sehne, nicht allein zu sein mit dem, was ich gerade fühle.

Dienstagnacht: die Energie kommt zurück

Diese Sehnsucht, nicht allein zu sein, bekommt in der letzten Nacht des Rennens dann tatsächlich eine Antwort. Nach Mitternacht, ich bin komplett am Ende, körperlich leer und mental noch leerer, holt mich eine Dreiergruppe ein.

Ich entscheide mich, mich an sie zu hängen. Und was dann passiert, ist das genaue Gegenteil von allem, was ich in den Tagen davor gefühlt habe: gemeinsames Fahren durch strömenden Regen und Kälte, ohne ein Wort der Beschwerde, einfach im Rhythmus der anderen mitlaufen. Es macht unglaublich viel Spaß. Und es gibt mir, fast wie aus dem Nichts, die komplette Energie für die letzten 150 Kilometer zurück.

Allein bin ich gefahren, weil ich musste. Gemeinsam bin ich gefahren, weil ich wollte.

Genau dieser Unterschied ist es, der bleibt. Nicht die Pässe, nicht der Schneeregen, nicht einmal der verlorene Radcomputer. Sondern das Gefühl, in der dunkelsten, nassesten Nacht des Rennens gemeinsam mit anderen durch den Regen zu fahren.

Magische Momente die man emotional und physisch nur auf solch einer Reise erleben kann

Ankommen, zu zweit

Aus dieser Dreiergruppe bleibt am Ende einer übrig, mit dem ich gemeinsam die letzten Kilometer fahre: Andy. Nach 2 Tagen, 22 Stunden und 37 Minuten rollen wir gemeinsam über die Ziellinie, Platz 10. Kein Solo-Moment, kein einsamer Triumph – ein gemeinsames Ankommen. Allein durchhalten kann man. Aber gemeinsam ankommen fühlt sich richtig an.

Kurz vor dem Ziel: Stefan mit zwei Mitstreitern auf den letzten Kilometern

Drei Flaschenhalter, die einfach gehalten haben

Während die Zweifel an Sinn und Spaß mich drei Tage lang begleitet haben, gibt es eine Sache, über die ich kein einziges Mal nachdenken musste: meine drei Cubreton Flaschenhalter. Über 1.100 Kilometer, durch Schneeregen auf dem Chasseral, durch drei Regennächte, über ruppige Passagen, bei jedem Stoß und jeder Bremsung bergab – sie haben einfach gehalten. Kein Klappern, kein Verlust, keine Sorge.

Dazu kommt das geringe Gewicht. Bei einem Rennen, bei dem jedes Gramm am Berg zählt, ist das kein Detail, sondern ein echter Unterschied. Material, das eigentlich im Müll gelandet wäre, hat mich über 40 Pässe getragen, ohne dass ich es auch nur einmal bemerkt habe. Genau das ist für mich der eigentliche Beweis, dass nachhaltig und leistungsfähig sich nicht ausschließen – sondern im Gegenteil sehr gut zusammenpassen.

Was am Ziel klar wird

Jetzt, im Ziel, mit Andy neben mir, wird mir vieles auf einmal klar. Der Sinnverlust am ersten Abend, die Checkpoints, das Wetter, die Nächte, die Telefonate vom Sonntagabend und ihr Nachhall im Kopf – all das ergibt in diesem Moment ein Bild, das ich so nicht erwartet hätte, als ich am Sonntagmorgen losgefahren bin.

Das MittelgebirgeClassique war für mich als Generalprobe für das TCR gedacht. Jetzt, am Ziel, weiß ich: Ich werde nicht starten.

Das war zwölf Tage lang mein Plan, mein Vorhaben. Und jetzt, mit dreckigen Beinen und einem Kopf, der noch halb im Regen der letzten Nacht steckt, sage ich zum ersten Mal in meinem Leben: Ich werde etwas nicht machen. Ich habe in meinem Leben nie etwas nicht gemacht – wenn ich mir etwas vorgenommen habe, habe ich es durchgezogen, ausnahmslos. Und ausgerechnet hier, an einem Zielort irgendwo in der Pfalz, entscheide ich mich zum ersten Mal, etwas nicht zu tun.

Es fühlt sich hervorragend an. Und es fühlt sich richtig an.

Nicht, weil ich aufgegeben hätte – ich bin ja angekommen, Platz zehn, gemeinsam über die Ziellinie. Sondern weil sich mein Werte- und Sinngefüge irgendwo zwischen Sonntagabend und dieser letzten, nassen Nacht verschoben hat. Was hilft mir ein Rennen, bei dem ich zwölf Tage lang keinen Spaß habe, wenn ich diese Erfahrung jetzt schon gemacht habe – nach drei Tagen?

Ich glaube, das ist die eigentliche Lehre aus diesem Rennen: Leistung allein trägt nicht besonders weit. Was trägt, sind die Momente, die man mit anderen teilt – ein paar Sätze am Checkpoint, eine gemeinsame Nacht im Regen, ein Ziel, das man zu zweit erreicht statt allein. Und manchmal trägt einen auch die Entscheidung, etwas eben nicht zu tun.

Das ist am Ende auch das, was Cubreton für mich bedeutet. Nicht das einsame Abenteuer um seiner selbst willen, sondern Naturerlebnisse, Material und Wege, die man teilt – mit Menschen, die an dasselbe glauben. Genau dafür bauen wir unsere Produkte: damit sie bei dem mithalten, was wirklich zählt, und im Hintergrund verschwinden, wenn es darauf ankommt.

Ich bin angekommen. Nicht allein. Sondern mit drei Flaschenhaltern, die nicht gewackelt haben.

Link zum Mittelgebirge Classique Ultrarace Rennen: https://mittelgebirgeclassique.cc

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