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Zurückgewinnung der Ressourcen – The Reclaim Collective

Wie aus weggeworfenem Haushaltskunststoff ein nachhaltiges Produkt entsteht – und warum es zwei Jahre, 28 Versionen und über 100 Mitsammler gebraucht hat, um dahin zu kommen.

Zurück am Schreibtisch, zwischen Weihnachten und Neujahr 2024. Ich denke über Stefans Aussage nach: Es gibt keinen nachhaltigen Fahrradflaschenhalter auf dem Markt. Zahlreiche aus Kunststoff, Carbon, Aluminium oder Stahl. Aber keinen, der den Anspruch erfüllt, ehrlich nachhaltig zu sein. Absurd. Fahrradfahren ist so ziemlich das Nachhaltigste, was man tun kann – nach dem Laufen.

Als ich an den Feiertagen den ersten Entwurf auf den 3D-Drucker schicke, ist mir nicht klar, dass es noch über zwei Jahre dauern würde, bis wir den ersten fertigen, 100 Prozent nachhaltigen Flaschenhalter in den Händen halten. Über 28 Versionen. Hunderte Testmuster. Über 20.000 Kilometer Fahrradfahrten, bei Temperaturen von minus zehn bis plus dreißig Grad. Und vor allem: eine Reise durch die Welt der Rohstoffe, Fertigungsverfahren, globalen Lieferketten und Logistikstrukturen.

Es war der Start einer Reise, die heute hier angekommen ist. Und für die „The Reclaim Collective“ essenziell ist.

Ein Blick auf das, was wirklich mit unserem Müll passiert

Aber zuerst ein kleiner Exkurs zur Verwertung von Kunststoffabfällen in Deutschland. Und vorweg: mich hat das ehrlich geschockt.

Kunststoff basiert fast ausschließlich auf Erdöl. Nach einem Bericht des deutschen Umweltbundesamtes aus 2023 wurden lediglich 38,4 Prozent „werk- oder rohstofflich/chemisch genutzt“ – also recycelt. Ganze 61,1 Prozent wurden energetisch verwertet, sprich verbrannt. Und nur 0,5 Prozent wurden beseitigt, also deponiert oder verbrannt ohne energetische Rückgewinnung.

Wir reden im Jahr 2023 von 5,91 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen in Deutschland. Ganze 61,6 Prozent davon, also 3,64 Millionen Tonnen, werden durch Verbrennung oder Deponierung dem Kreislauf entzogen. Material aus endlichen fossilen Ressourcen, für immer verloren.

Für mich ist Verbrennen oder Deponieren keine „hohe Verwertungsquote“, wie das Umweltbundesamt es beschreibt. Wir kaufen, sammeln und spülen Müll, um ihn dann in der gelben Tonne oder dem gelben Sack zur Verwertung zur Verfügung zu stellen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird er verbrannt. Vor allem wenn er aus dem Lebensmittelbereich kommt – da, wo zumindest in unserem Haushalt mit drei Kindern und zwei Hunden der meiste Kunststoffmüll anfällt. Mit Lebensmittelresten, aufgerissen, bedruckt mit Farbe oder als Verbundwerkstoff metallbedampft.

Vom Flaschenhalter zur Materialfrage

Unser erstes Produkt sollte ein nachhaltiger Fahrradflaschenhalter werden. Doch schnell war klar: 3D-Druck funktioniert nicht bei den extremen Belastungen, denen ein Flaschenhalter ausgesetzt ist. Und so kamen wir über Umwege zum Spritzguss. Und damit zur Frage, welches Material?

Wir sind am Ende bei Polypropylen gelandet, kurz PP. Das Material mit der Kennnummer 5 wird bei vielen Lebensmittelverpackungen, Flaschendeckeln und Blumentöpfen verwendet. Es ist robust, biegsam und leicht zu verarbeiten. Und wir schmeißen es in Massen weg. Und so kamen wir auf die Idee von „The Reclaim Collective“.

Was wäre, wenn wir alle gemeinsam sammeln? Wenn der Kunststoffmüll erst gar nicht in der gelben Tonne landet? Wenn wir ihn retten, zurückgewinnen aus dem Kreislauf der endgültigen Vernichtung, und daraus Flaschenhalter machen?

The Reclaim Collective heute

„The Reclaim Collective“ ist heute ein Netzwerk aus über 100 Mitsammlern – und es werden täglich mehr. Denn die Wertschöpfungskette endet nicht im Müll. Sie endet dort, wo wir sie enden lassen.

Und so einfach geht’s:

1 – PP-Symbol finden

Dreh den Deckel um. Such das Dreieck mit der Zahl 5 oder dem Kürzel PP darin. Das ist das internationale Erkennungszeichen für Polypropylen – genau das, was wir verarbeiten.

2 – Abspülen und trocknen

Spül den Deckel kurz unter Wasser aus – Zahnpasta-, Joghurt- oder Kosmetikreste machen das Recycling schwieriger. Kein Spülmittel nötig, nur grob sauber. Kurz abtrocknen oder an der Luft trocknen lassen. Nur saubere, sortenreine PP-Deckel können verarbeitet werden.

3 – Sammeln, vorbeibringen oder versenden

Bring deine PP-Deckel zu uns ins Fuchstal. Wir verwandeln deinen Beitrag in neue Produkte für dein nächstes Abenteuer draußen. Zu weit weg oder keine Zeit? Kontaktiere uns, und wir senden dir ein Versandlabel zu. Du solltest dazu aber mindestens 1 kg PP gesammelt haben, damit es ökologisch Sinn macht.

Nachdem der Kunststoff bei uns angekommen ist, sortieren wir ihn nach Qualität und Farbe und reinigen ihn, falls nötig. Danach shreddern wir die Abfälle in unserem Kunststoffshredder, nach Farbe und Qualität getrennt. Das Ergebnis: Kunststoffflakes, die direkt in einer Spritzgussmaschine verarbeitet werden können.

Warum das mehr ist als ein gutes Gewissen

Für mich ist „The Reclaim Collective“ mehr als nur eine Initiative, um uns ein gutes Gewissen zu verschaffen. Wir bewahren wertvolle Ressourcen vor der endgültigen und unwiderruflichen Vernichtung. Wir schaffen Bewusstsein bei allen Mitgliedern des Kollektivs, dass es noch viel zu tun gibt – und dass wir den Geschichten der Recyclingindustrie nicht alles glauben sollten.

Wir reduzieren die Transportwege maximal. Der Müll wird nicht mit LKWs durch Europa gefahren, er wird hier bei uns verarbeitet. Minimaler CO2-Ausstoß, maximale Nachhaltigkeit.

Und wir bringen Menschen zusammen, die an dasselbe glauben: Nicht die großen Worte zählen, sondern die kleinen Taten. Kleine Taten, die zusammen Berge versetzen können. Vielleicht sogar Müllberge.

Nicht ganz uneigennützig

„The Reclaim Collective“ ist aber nicht ganz uneigennützig. Es hilft uns bei CUBRETON, neue Produkte bezahlbar in Deutschland herzustellen. Der Rohstoff kostet uns fast nichts. Unsere Kosten fallen vor allem bei der Organisation, dem Handling und der Reinigung an. Aber dieses Geld geht direkt zu den Menschen, die daran arbeiten. Nicht zu den Öl-Großkonzernen oder der Verwertungsindustrie. Es ernährt Familien, gibt Menschen die Chance zu arbeiten, Teil von etwas Wertvollem zu sein.

Im Gegenzug fordert es uns heraus. Produkte von der Materialseite her zu denken, lernt man nicht im Ingenieurs- oder Designstudium. Welches Produkt, das in großen Mengen weggeworfen wird, hat dieselben Eigenschaften wie mein Zielprodukt? Wie baue ich eine Guerilla-Lieferkette dafür auf? Wie verarbeite ich es?

Produktentwicklung bedeutet für uns nicht nur Konstruktion, Design und Validieren. Es bedeutet, dass wir uns intensiv mit der Lieferkette auseinandersetzen. Mit dem Ziel, dass jeder von uns zum Lieferanten wird. Im Idealfall ist jeder Kunde auch gleichzeitig Lieferant. Und so haben wir angefangen, unsere Dogmen über Bord zu schmeißen, alte Denkmuster durch neue Ansätze zu ersetzen und den Weg von Made-in-Germany-Produkten neu zu denken.

Ich musste mir eingestehen, dass über 30 Jahre Produktentwicklung am Ende vor allem darauf basiert hat, etablierte Verfahren anzuwenden.

Es ist einfacher und günstiger, neues PP-Granulat zu kaufen und mit einer 30.000-Euro-Spritzgussform 10.000 Stück zu produzieren, als echtes, recyceltes Material direkt vom Endverbraucher zu verwenden.

Es ist einfacher, in China zu bestellen, als in Europa Hersteller für bezahlbare Spritzgussformen zu finden, die wir mit unserer manuellen Spritzgussanlage verwenden können.

Es ist einfacher, einen Schiffscontainer quer über die Weltmeere zu schicken und vom Hafen zu uns an den Rand der Alpen nach Fuchstal zu transportieren, als Menschen dazu zu bewegen, ihren Haushaltsmüll zu sortieren und uns zu schicken.

Es ist einfacher, nichts zu tun, als Neues anzufangen. Aber es lohnt sich. Mit jeder Lieferung, die bei uns abgegeben wird, mit jedem Joghurtbecher, der durch unseren Shredder zerkleinert wird, mit jedem Produkt, das wir aus der Spritzgussform auswerfen, geht mir ein Lächeln über das Gesicht. Jedes Mal wird mir wieder bewusst, dass dieser kleine Schritt Großes verändert. Und das ist nur möglich, weil schon so viele mitmachen.

Meine Vision

Meine Vision ist, dass wir nicht nur die besten geupcycelten Produkte für Erfahrungen im Meer, auf den Bergen oder der Straße herstellen, sondern dass wir mit dieser neuen Art der Lieferkette beweisen, dass es einen anderen Weg gibt. Einen Weg, der zurückgewinnt, was uns abhanden gekommen ist. Der bewusste und nachhaltige Umgang mit Ressourcen. Das Verwerten von allem, was unser Konsumleben ausspuckt. Ein bisschen Offgrid-Leben für jeden von uns.

Ich wünsche mir, dass CUBRETON mit Hilfe von „The Reclaim Collective“ echte industrielle Volumen produzieren kann und beweist, dass es Wege gibt, den Kreislauf von Einkaufen, Wegwerfen und Vernichten zu durchbrechen. Und dass es genügend Mitstreiter gibt, die diese Idee unterstützen – in einer Gesellschaft, der immer öfter Gleichgültigkeit vorgeworfen wird.

Der Auftakt: unsere erste Reclaim Night

Noch dieses Jahr starten wir die erste „Reclaim Night“ – und sie soll der Anfang einer monatlichen Reihe werden.

Keine Sorge, es wird kein Arbeitseinsatz. Im Mittelpunkt steht das Zusammenkommen: Wir treffen uns nach Feierabend, zwei bis drei Stunden. Mit oder ohne Kinder. Ungezwungen. Wer mag, sortiert und reinigt mit. Kommt genügend neues Material zusammen, wird geschreddert. Wir lassen es ausklingen mit einem Lagerfeuer und guten Gesprächen.

Aber dafür brauchen wir dich. Wir brauchen viele Mitglieder des Kollektivs, die mithelfen, etwas zu verändern. Wir brauchen Alte und Junge, Rentner und Arbeitslose, Arbeiter und Manager, Frauen, Männer, Kinder und Diverse. Wir brauchen jeden, der es sich wert ist, über die etablierten Grenzen zu denken und anzupacken.

Fang heute an zu sammeln. Hier findest du eine einfache Anleitung, die du dir neben den Mülleimer hängen kannst.

Es ist einfach. Es ist kostenlos. Es macht den Unterschied.

Es ist deine Entscheidung.

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